Behandlung

Da es keine Heilung von Multipler Sklerose gibt haben alle Therapien zum Ziel, dem Patienten ein weitestgehend unabhängiges und schmerzfreies Leben mit möglichst hoher Lebensqualität zu ermöglichen. Zu unterscheiden sind drei therapeutische Bereiche, die Schubtherapie, die immunmodulierende Langzeittherapie und die Behandlung der symptomatischen Beschwerden. Ebenfalls wichtig sind Therapien, die den Folgen der Immobilität der Patienten vorbeugen.

Schubtherapie

Die Schubtherapie ist bei solchen Patienten von Nöten, die unter Schüben funktioneller Beeinträchtigungen leiden. Durch hoch dosierte Glucocorticoiden kann die Rückbildung der Symptome nach einem Schub unterstützt werden. Die Glucocorticoide verbindern die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke, so dass weniger weiße Blutkörperchen zu den Entzündungsherden am ZNS gelangen. Studiengestütze Hinweise auf eine positive Auswirkung der Glucocorticoide auf den Langzeitverlauf der MS gibt es nicht.

Spricht ein Patient bei starken Schüben, die Lähmungen oder ähnlich gravierende Einschränkungen mit sich bringen, nicht auf den zweiten Kortisonstoß an, muss manchmal zu einer Plasmapherese gegriffen werden. Die Plasmapherese mindert bei 40% aller Patienten die Beschwerden, kann jedoch zu schweren Störungen des Herz-Kreislauf-Systems führen, weshalb sie nur in wenige spezialisierten Zentren angewendet wird.

Immunmodulation und Immunsuppression

Ziel jeder MS Therapien ist die Reduzierung der neurologischen Defizite, sowie die Dämpfung der Entzündungsreaktion im ZNS auf pathophysiologischer Ebene.

Auch wenn vielerorts keine klare Unterscheidung zwischen Immunmodulation und Immunsuppression stattfindet wollen wir diese zwei Begriff hier klar voneinander trennen:

Die immunmodulierende Therapie umfasst die Behandlung mit Beta-Interferonen, Glatirameracetat, intravenösen Immunglobulinen (IVIG) und Natalizumab. Wie und warum diese Substanzen wirken ist nicht immer vollständig bekannt. Lediglich zum Natalizumab kann man sagen, dass es speziell entwickelt wurde um den Fluss weißer Blutkörperchen in das zentrale Nervensystem zu vermindern.

Immunsuppressiva sind Mitoxantron, Azathioprin und Cyclophosphamid. Alle diese Stoffe beschränken die Vermehrung der weißen Blurkörperchen.

In Deutschland richtet sich die Multiple Sklerose Behandlung nach der Empfehlung der "Multiple Sklerose Therapie Konsensus Gruppe" (MSTKG). Die MSTKG setzt sich aus führenden Wissenschaftlern und Fachärzten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen. Entscheidend für die Wahl der Therapie ist Art der MS-Erkrankung (schubförmig oder progredient).

Schubförmiger Verlauf

Bei RR-MS Patienten kann es schon im Anfangsstadion ihrer Multiple Sklerose zu Schädigungen der Nerven kommen. Daher wird eine frühestmögliche immunmodulatorische Therapie empfohlen. Neben Glatirameracetat bieten sich eine Reihe von Interferon-Präparaten als Wirkstoffe für diese Basistherapie an.

Schlägt die Basisbehandlung nicht an wird versucht die neurologischen Defiziten mit der Eskalationstherapie zu behandeln. In dieser Phase werden Mitoxantron, Natalizumab und selten auch Cyclophosphamid eingesetzt.

Eine MS-Therapie wird im Allgemeinen so lange fortgeführt, wie sie einen positiven Effekt auf die MS Entwicklung hat und es zu keinen schweren Nebenwirkungen kommt. Für Mitoxantron existiert auf Grund der schweren Nebenwirkungen eine Begrenzung der Dosis die ein Mensch in seinem Leben aufnehmen darf. Diese wird nach 2-5 Jahren erreicht.

Auf die Behandlung mit Interferon-Beta und Natalizumab kann der menschliche Körper mit der Bildung von Antikörpern reagieren. Diese NAB verringern die Effektivität des Natalizumab; auf die Interferone scheinen sie nicht zu wirken.

Chronisch progrediente Verlaufsformen

Seit Mitoxantron im Jahr 200 zugelassen wurde ist dieser Wirkstoff das Mittel der Wahl zur Behandlung von sekundär progredienter Multiple Sklerose. Nach Erreichen der Lebenshöchstdosis wird die Behandlung meist mit hochdosierten intravenösen Cortisonstößen (alle 3 Monate) oder Cyclophosphamid fortgeführt.

Die Behandlung der primär progrediente Verlaufsform gestaltet sich schwieriger. Je nach individueller Risiko-Nutzen Evaluation wird bei einzelnen Patienten eine Therapie mit Cortisonstößen, Cyclophosphamid oder Mitoxantron versucht.

Symptomatische Therapie

Die von MS hervorgerufenen Symptome, sowie ihre jeweilige Ausprägung sind bei jedem Patienten anders. Die am häufigsten auftretenden Symptome, die einen direkten negativen Einfluss auf die Lebensqualität der Betroffenen mit sich bringen sind Spastiken, Schmerzen, Blasenprobleme, extrem schnelle Ermüdung, Depressionen, Sprachstörungen und Probleme beim Schlucken.

Eine Änderung der Lebensumstände kann einige dieser Leiden lindern aber nicht alle. Dann wird zu physiotherapeutischen, logopädischen, ergotherapeutischne, psychotherapeutischen, medikamentösen und operativen Maßnahmen gegriffen. Die gefährlichsten Auswirkungen einer Multiplen Sklerose sind Aspirationspneumonien, Lungenembolien, Thrombosen, Osteoporose, Dekubitalgeschwüren, Gelenkkontrakturen, Harnwegsinfektionen und Exsikkose. Diesen Komplikationen spricht man die Hauptverantwortung für die geminderte Lebensqualität von MS Erkrankten zu.

Behandlung der Spastik

Durch Infektionen an der Pyramidenbahn, dem Teil des pyramidalen Systems zwischen Nachhirn und Rückenmark an dem sich 90% der Nervenbahnen kreuzen kann es zu Tonuserhöhungen der Muskulatur kommen. Ein Herd im dieser Region kann sich direkt durch Schmerzen (häufig Spannungsgefühl) bemerkbar machen oder zu Muskel- und Gelenkkontraktur (Versteifungen in Folge von Immobilität), sowie Fehlstellungen starke Schmerzen und Einschränken mit sich bringen.

Beim Auftreten von Spastiken wird immer mit physiotherapeutische Behandlungen gegen gelenkt um die fortschreitende Immobilität aufzuhalten. An Medikamenten stehen diverse oral einzunehmende Muskelrelaxine wie Baclofen und Tizanidin zur Verfügung.

Des weiteren kann eine Botulinumtoxin Injektion helfen. BTX ist ein neurotoxisches Protein welches von der Bakterie Clostridium botulinum ausgeschieden wird. Das Ektotoxin hat eine paralysierende Wirkung, kann in höheren Dosen als Nervengift tödliche Wirkung entfalten und ist sogar potentielle Grundlage für biologische Waffen.

Eine andere Therapieoptionen stellt die intrathekale Applikation von Baclofen oder Triamcinolon da. Dabei wird der Wirkstoff in den Subarachnoidalraum, eine Spalte zwischen den Hirnhäuten, gegeben. Der Subarachnoidalraum erstreckt sich über das gesamte ZNS bis zur Lendenwirbelsäule, wo die meisten Injektionen und Untersuchungen, wie etwa Lumbalpunktion, stattfinden.

Schmerzbehandlung

Aufgrund der Vielzahl möglicher Verursacher für die Schmerzen von MS-Patienten gibt es keine universell anwendbare Schmerztherapie.

Direkt von der Multiplen Sklerose werden zwei Arten von Schmerzen ausgelöst:

  • Trigeminusneuralgien, die durch die Entzündungsherde ausgelöst werden und anfallsweise auftreten, können mit den Epilepsie-Medikamenten Carbamazepin, Gabapentin oder Pregabalin behandelt werden.
  • Gegen die chronischen Schmerzen, die meist als Folge der Herde im Rückenmark, in Armen und Beinen entstehen, hilft das Antidepressiva Amitriptylin.

Die meisten Schmerzen sind jedoch nur indirekte Folge der MS-Erkrankung und müssen individuell therapiert werden.

Behandlung von Blasenfunktionsstörungen

Durch Multiple Sklerose kommt es häufig zu einer Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie der Harnblase, sowie Speicher- und Entleerungsstörung der selbigen.

Mögliche Folgen sind Harnwegsinfektionen, imperativem Harndrang, Pollakisurie und Inkontinenz.

Als Therapieoptionen stehen eine Einteilung der Flüssigkeitszufuhr, Gymnastik für den Beckenboden, Katheterisierung und Medikamente (häufig Antibiotika) zur Verfügung. Der absolut falsche aber von Patienten gern auf eigene Faust eingeschlagene Weg ist, weniger zu Trinken. Dies zu einem Mangel an Körperflüssigkeit führen.

Behandlung von Sprech- und Schluckstörungen

Probleme beim Schlucken und Sprechen gehören zu den unangenehmsten und belastensten Störungen mit denen ein MS Patient zu kämpfen hat.

Treten die Probleme während eines Schubes auf, werden sich mit der jeweiligen Schubtherapie behandelt.

Bei chronischen Beschwerden werden vorwiegend logopädische Mittel eingesetzt. Bei sehr starken Schluckbeschwerden muss teilweise auch zu künstlicher Ernährung (in Form einer perkutanen endoskopischen Gastrostomie oder parenteraler Ernährung) gegriffen werden.

Behandlung des Fatigue-Syndroms und depressiver Störungen

Auch das Fatigue-Syndrom, eine permanente Schwäche und Erschöpfung, und Depressionen können von MS ausgelöst werden.

Gegen depressive Störungen werden die bekannten Antidepressiva eingesetzt. In einigen Fällen ist parallel eine psychologische Betreuen nötig, diese dient meist der Behandlung sekundärer Störungen und Folgeerscheinungen der Depression.

Was die Behandlung der Fatigue-Symptome angeht ist sich die Medizin uneins. Neben Antidepressiva kommen Amantadin, Acetyl-L-Carnitin und Acetylsalicylsäure zum Einsatz auch wenn die Wirksamkeit einiger dieser Substanzen noch nicht nachgewiesen werden konnte.

Ernährung

Auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält, es gibt keine belegten Hinweise darauf, dass die Ernährungsform einen wesentlichen Einfluss auf den Verlauf der MS nimmt. Dennoch empfiehlt die Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) eine aufgewogene, fettarme, ballaststoff- und vitaminreiche Ernährung mit genügend Kalorien. Eine solche Ernährung mindert zwar nicht die MS Symptome, führt aber zu einer besseren Lebensqualität.

Von Übergewicht oder einseitigen Diäten wird abgeraten.

Alternative Medizin

Neben der klassischen, evidenzbasierten Medizin nehme viele MS Patienten, gerade die mit starken Einschränkungen, alternative medizinische Behandlungen war. Zwar gibt es keinerlei Wirksamkeitsbelege für Diäten, Akupunktur, Klangschalenbehandlungen und Homöopathie, dennoch vertrauen viele Patienten auf solche Angebote.

Was bringt die Zukunft?

Neben den in Deutschland zugelassenen Medikamenten zur Behandlung von Multipler Sklerose ( drei Beta-Interferone, Glatirameracetat, Mitoxantron, Azathioprin und Natalizumab) gibt es eine ganze Reihe weiterer Wirkstoffe die noch in der Erforschung sind. Der Zeit gibt es 21 Fallstudien in Deutschland für die noch Probanden gesucht werden. Die aktuelle Zahl gibt es immer via ClinicalTrials.

General kann man die laufenden Forschungen in vier Kategorien einteilen:

Weiterentwicklung immunmodulatorischer Wirkstoffe

Durch Weiterentwicklung wird versucht der Fortschreiten der Behinderung stärker einzudämmen. Die Erforschung dieser Idee ist der Schwerpunkt der meisten klinischen Studien.

Mehr Anwendungskomfort

Durch längere Intervalle zwischen den Behandlungen oder orale Einnahme soll der Komfort der Medikamenteneinnahme erhöht werden.

Aggressive Behandlungen

Die drastischste Möglichkeit der Multiple Sklerose Behandlung stellt das gezielte Abtöten gestörter Teile des Immunsystems dar. Die dabei in Mitleidenschaft gezogenen Funktionen des Immunsystems müssen dann von im Knochenmark

verbliebenen Stammzellen oder Infusion körperfremder Zellen erfüllt werden.